Kunstausstellung for Beginners: 5 Expertentipps für den Besuch im Museum

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Was mache ich eigentlich in einer Kunstausstellung? Daniela Mittelholzer, leitende Vermittlerin im Kunstmuseum St.Gallen, führt die Autorin durch die aktuelle Ausstellung von Urs Frei und beantwortet ihre Anfängerfragen.

Ein Tipp der Kunstvermittlerin ist, Ausstellungen gemeinsam zu besuchen: Durch den Austausch ergeben sich neue Perspektiven.
Bild: Michel Canonica

Eigentlich würde ich gerne mehr Kunstausstellungen besuchen. Zu sehen, zu welchen Kreationen andere Menschen fähig sind, fasziniert mich. Gleichzeitig fühle ich mich in Museen etwas verloren: Was soll ich hier eigentlich tun?

Daniela Mittelholzer ist leitende Kunstvermittlerin im Kunstmuseum St.Gallen. Ihre Aufgabe besteht darin, Besuchenden Zugänge zur Kunst zu eröffnen. In einem Rundgang durch die aktuelle Ausstellung des Zürcher Künstlers Urs Frei (1958–2023) kann ich ihr ungehemmt meine Anfängerfragen stellen – und sie kann mir nach und nach den Druck nehmen.

Tipp 1: Ausstellung selektiv besuchen

Am Anfang der Ausstellung steht ein Wandtext mit Informationen zum Künstler.
Bild: Michel Canonica

Die Wand am Eingang zur Ausstellung ist beschriftet mit Informationen zum Künstler: «Urs Frei A–Z». Der Gedanke, alles gleich zu Beginn durchlesen zu müssen, schreckt mich ab. Brauche ich diese Informationen, um die Ausstellung zu besuchen? Oder hätte ich mich bereits über den Künstler informieren sollen, bevor ich herkam? Daniela Mittelholzer nimmt mir meine Fragen vorweg:

«Eine Ausstellung ist kein Buch, das man von Anfang bis Ende durchlesen muss.»

Entgegen meiner bisherigen Vorstellung muss ich nicht jeden Raum in einer bestimmten Abfolge genau unter die Lupe nehmen. Mittelholzer rät, zunächst einfach durch die Ausstellung zu schlendern, die Werke auf sich wirken zu lassen und zu sehen, was anzieht. Wo werden die Schritte langsamer? Wo bleibt der Blick hängen?

Tipp 2: Dem eigenen Bauchgefühl vertrauen

Die Ausstellung widmet sich dem künstlerischen Schaffen von Urs Frei in Form einer Retrospektive. Sie zeichnet seine künstlerische Entwicklung chronologisch nach und vereint Werke aus unterschiedlichen Lebens- und Schaffensphasen.

Gleich im ersten Raum fallen mir Konstrukte aus Holz auf. Sie sehen aus wie falsch geformte und teilweise kaputte Bilderrahmen. «Das verstehe ich nicht», sage ich zu Daniela Mittelholzer. Etwas zögerlich, weil ich nichts Falsches sagen möchte.

Die Holzobjekte stammen aus der Zeit von Urs Freis erstem Atelier.
Bild: Michel Canonica

Doch sie versteht meinen Kommentar keineswegs als Zeichen von Unverständnis oder Ignoranz.

«Irritation kann anregen, über etwas nachzudenken.»

Geht man der Frage nach, weshalb ein Werk irritiert oder warum es dennoch als Kunst zu verstehen ist, kann gerade diese Irritation einen Zugang zum Werk eröffnen. Wichtig sei, nicht vorschnell abzuwinken und zu sagen: «Das könnte ich auch.» Künstlerinnen und Künstler hätten es verdient, dass man sich die Zeit nimmt, ihre Werke genauer zu betrachten.

Irritation und Widerstand sind dabei nur zwei mögliche Reaktionen auf ein Kunstwerk. Kunst berührt auf verschiedenen Ebenen: Sie wirft Fragen auf, weckt Erinnerungen oder inspiriert zum eigenen Schaffen. Vielleicht behandelt sie ein Thema, das interessiert, oder es ist einfach ihre visuelle Wirkung, die einen anspricht.

Tipp 3: Sich vom Anspruch lösen, alles zu verstehen

Kunstvermittlerin Daniela Mittelholzer (links) erklärt der Journalistin, worauf es beim Besuch einer Ausstellung ankommt.
Bild: Michel Canonica

Bei Museumsbesuchen begleitet mich oft der Gedanke, etwas lernen zu müssen. Stehe ich vor einem Kunstwerk, frage ich mich, ob ich nicht wissen sollte, was der Künstler oder die Künstlerin damit ausdrücken wollte. Mittelholzer meint:

«Vom Anspruch an sich selbst, alles verstehen zu müssen, darf man sich lösen.»

Es sei schön, wenn das Interesse so gross sei, dass man mehr erfahren möchte. Museen seien schliesslich dazu da, Informationen bereitzustellen und zu vermitteln. Vielleicht können zusätzliche Details Verständnis dafür schaffen, warum ein Werk zu einem gesprochen habe. Und doch sei es genauso in Ordnung, nicht mehr wissen zu wollen.

«Ich vergleiche es manchmal mit Fussball. Was die Expertinnen und Experten im Spiel sehen, sehe ich nicht. Und trotzdem schaue ich es mir gerne an.»

Tipp 4: Museumsbesuch spielerisch auflockern

Ein Museumsbesuch soll Spass machen. Wissen, das man sich währenddessen aneignet, ist ein Bonus. Mittelholzer wünscht sich, dass Museen und Ausstellungen vermehrt zu Orten werden, an denen Menschen sich gerne aufhalten.

«Ein Museumsbesuch sollte keinen Druck ausüben. Es ist keine Prüfung.»

In seinem Schaffen beschäftigte sich Urs Frei unter anderem mit Zerbrechlichkeit und Gleichgewicht.
Bild: Michel Canonica

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Museumsbesuch aufzulockern. Manchmal fordert sich Mittelholzer selbst spielerisch heraus: Etwa sucht sie in der Ausstellung nach den Farben ihrer Kleidung oder sie versucht, die Geschichte hinter Werken zu erraten. Es sei hilfreich, einzelne Aspekte herauszufiltern, um nicht von den vielen Eindrücken überwältigt zu werden.

Auf unserem Rundgang gelangen wir in einen grossen Raum, den Oberlichtsaal: Es sieht aus wie auf einer Deponie. «Wie hält dieses Kunstwerk eigentlich zusammen?», frage ich, während ich ein Stück ansehe, das aussieht wie ein bunter Abfallhaufen. Ohne es zu beabsichtigen, habe ich einen zentralen Punkt von Freis Kunst angesprochen: Mittelholzer erklärt, dass Zerbrechlichkeit und Gleichgewicht zentrale Themen seines Schaffens waren.

Daniela Mittelholzer ermutigt, Kunstwerke genauer zu betrachten: Wie ist es möglich, dass dieses Werk von Urs Frei aufrecht steht?
Bild: Michel Canonica

Tipp 5: Sich durch andere Perspektiven inspirieren lassen

Manchmal macht man sich Gedanken zu einem Werk, nur um dann durch die Meinung anderer verunsichert zu werden. Ohne dass ich frage, sagt Daniela Mittelholzer:

«Jede Sichtweise ist interessant und richtig. Es gibt keine falschen Interpretationen.»

Unterschiedliche Deutungen ermöglichen, ein Werk aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und die eigene Wahrnehmung zu erweitern. Es biete sich deshalb auch an, eine Ausstellung zu zweit zu besuchen und sich darüber auszutauschen.

Einige von Urs Freis Werken zeigen Ovale: Während Daniela Mittelholzer Nullen sieht, sehe ich saure Apfelringe oder Ostereier.
Bild: Michel Canonica

Am Ende des Rundgangs ist meine anfängliche Frage – «Was soll ich hier eigentlich tun?» – erstaunlich einfach zu beantworten: Schauen. Stehen bleiben, wenn etwas interessiert. Weitergehen, wenn es das nicht tut. Fragen stellen, sich austauschen und geniessen.

Erschienen im St.Galler Tagblatt am 27. August 2026

Von Lisa