«Gunni» war ursprünglich als Serie fürs Schweizer Fernsehen gedacht. Nun veröffentlicht die Slam-Poetin und Komikerin Lara Stoll ihr Drehbuch über eine chaotische Zürcherin, die sich mit Mitte dreissig durchs Leben improvisiert.

Lara Stolls Dramödie «Gunni» erzählt von Géraldine, oder eben Gunni: Einer Millennial, die irgendwie noch nicht mit beiden Beinen im Leben steht. Die 39-jährige, im thurgauischen Rheinklingen aufgewachsene Autorin spricht im Interview über ihr erstes Drehbuch: eine Kombination aus Drama und Komödie.
Wie sehr haben Sie sich beim Hauptcharakter Gunni von sich selbst inspirieren lassen?
Lara Stoll: Ich habe gewusst, dass diese Frage kommt. In Gunni sehe ich ein wenig mich vor zehn Jahren. Sie lässt ihren Briefkasten überlaufen, ihre Wohnung sieht scheisse aus, sie geht ewig in den Ausgang und muss am nächsten Tag trotzdem arbeiten. Ein Millennial, der am eigenen Stuhlbein sägt und noch nicht richtig erwachsen ist. Mittlerweile bin ich an einem anderen Punkt in meinem Leben.
War «Gunni» nicht gut genug für das SRF?
Beim SRF werden kontinuierlich Stoffe entwickelt, aber es werden leider nicht alle umgesetzt. Welche Serie letztlich grünes Licht bekommt, ist von vielen Faktoren abhängig und heisst nicht unbedingt, dass unser Projekt schlechter war als andere.
Wieso ist die Geschichte nun als Buch erschienen?
Der Stoff lag eine Weile in meiner Schublade, bis der Echtzeit-Verlag, mit dem ich schon mein letztes Buch gemacht habe, lustigerweise auf die Idee kam, das Ganze zu veröffentlichen. Als ich es in dem Zusammenhang nochmals gelesen habe, dachte ich: «Ah nice, das ist ja gar nicht so ein Seich!»
Was mögen Sie an Ihrer «Dramödie» besonders?
Natürlich die Hauptfigur Gunni. Sie ist so eine Pappnase. Da ist eine grosse Schere zwischen der Realität und dem, was sie für die Realität hält. Und wie sie das einfach ausblenden kann und dadurch immer weiter in die Abwärtsspirale gerät. Aber weil man sie einfach gern haben muss, kann man ihre Handlungen zumindest streckenweise nachvollziehen.
Sie scheint etwas verzweifelt nach einem Lebenssinn zu suchen. Kennen Sie dieses Gefühl?
Ich will es jetzt nicht Quarter- oder Midlife-Crisis nennen. Aber in den Dreissigern fühlt es sich irgendwie so an, als müsste man nochmals die Weichen stellen und entscheiden, wie der nächste Teil des Lebens aussehen soll. Das ist etwas, was ich bei vielen Menschen in meinem Umfeld und auch bei mir selbst beobachte.
Manchmal amüsiert sich das Buch auch ein wenig über die Gen Z und ihren Selbstoptimierungswahn. Wie stehen Sie dazu?
Hey, ich könnte es nicht. Ich bin noch im Rock’n’Roll aufgewachsen. Ich finde es super, dass die Jungen mehr auf ihre Gesundheit achten, aber ich glaube nicht, dass es einen unbedingt glücklicher macht. Teilweise wird es zwanghaft.
Sollte sich die Gen Z also eine Scheibe von Gunni abschneiden?
Ich würde Gunni nicht als Vorbild nehmen. Wirklich nicht.
Was schlagen Sie vor?
Es geht nicht darum, exzessiv Alkohol zu trinken. Aber ausgehen, tanzen – das hat für mich mit Endorphinen und Psychohygiene zu tun. Ein bisschen loslassen.
Musik spielt im Buch eine zentrale Rolle. Auch Sie sind Musikerin.
Musikmachen finde ich etwas vom Allerwichtigsten. Jeder Mensch braucht eine Band. In unserem Bandraum jammen wir und rotieren die Instrumente. Ich kann weder Schlagzeug noch Bass spielen. Viele Leute haben das Gefühl, um Musik zu machen, müsse man Noten lesen oder ein Instrument spielen können. Aber das stimmt nicht.
Sondern?
Musik zu machen hat vor allem damit zu tun, Hemmungen loszuwerden und keine Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Dann ist es super befreiend.
Es ist Ihr erstes Drehbuch. Wie war es, das zu schreiben?
Am Anfang war ich etwas überfordert. Ich habe zwar Film studiert, aber nie gelernt, wie man Spielfilm- oder Seriendrehbücher schreibt. Dafür braucht es enorm viel dramaturgisches Fachwissen. Eigentlich war das damals für mich viel zu big.
Also hatten Sie Unterstützung?
Die Produktionsfirma Zodiac Pictures nahm mich unter Vertrag und somit auch bei der Hand. Anfangs hatte ich nur halbfertige Folgen. Gemeinsam mit SRF planten wir dann weitere Entwicklungsschritte, wodurch ich unter anderem auch mit Profis wie Petra Volpe oder Mats Frey zusammenarbeiten durfte. Volpe führte beispielsweise bei «Heldin» (2025) Regie, Frey ist einer der Entwickler von «Tschugger» (2021).
Wie ging es Ihnen nach der Absage vom SRF?
Wir waren natürlich alle etwas enttäuscht. Da ich aber zu der Zeit schon wieder an etwas Neuem gearbeitet habe, ging die Absage schnell vergessen. Trotzdem bin ich unheimlich froh, dass der Verlag die Idee hatte, die Geschichte auf diese Weise mit der Öffentlichkeit zu teilen. Das ist nicht selbstverständlich und das Traurige am Drehbuchgeschäft: Menschen arbeiten oft jahrelang an Projekten, die einfach in einer Schublade verschwinden.
Werden Sie sich erneut an ein Drehbuch wagen?
Es ist ein Hin und Her: Einmal bin ich frustriert wegen der vielen Absagen, dann finde ich wieder, ich möchte nicht aufgeben, denn es macht mir einfach mega Spass. Ich denke also nicht, dass ich Ruhe geben werde.
Erschienen im St.Galler Tagblatt am 14. Juli 2026




