Ein tödlicher Unfall, den die Thurgauer Illustratorin und Comiczeichnerin Julia Trachsel zufällig beobachtete, beschäftigte sie jahrelang. In ihrer ersten Graphic Novel «Alles in Allem» verarbeitet sie das Erlebnis zu einer Geschichte über Verlust, Erinnerung und die Anfänge, die in Enden stecken.

Bild: Thi My Lien Nguyen
Am 23. August 2019 verliess die Thurgauer Illustratorin Julia Trachsel ihre Wohnung in Luzern, um sich einen Kaffee zu holen, und wurde Zeugin eines Unfalls, bei dem ein Mann ums Leben kam. Das Erlebnis ist der Anfang ihrer ersten Graphic Novel «Alles in allem», die am 9. September beim Verlag Edition Moderne erschienen ist.
Drei Jahre dauerte es, bis Trachsel daraus den Anfang ihrer Geschichte spann. Nämlich dann, als sie ihre Mutter beim Sauerteig-Zubereiten beobachtete. Der Teig ging nicht so auf, wie erhofft. Zu viele fehlgeschlagene Versuche standen bereits im Tiefkühlschrank. Also landete der glatte Kloss im Abfall. «Es ist schon spannend, wie unterschiedlich Menschen mit dem Loslassen umgehen», ging Trachsel damals durch den Kopf.
Wiederholtes Loslassen und Weitermachen
Anfänge und Enden gehen oft Hand in Hand. Mal sehr offensichtlich, wie etwa der Anfang der Pension das Ende des Arbeitslebens bedeutet. Mal weniger, etwa bei einer Trennung, die gleichzeitig einen neuen Lebensabschnitt markieren kann. Dieses Zusammenspiel steht im Zentrum von Trachsels Graphic Novel.
Die Protagonistin von «Alles in allem», die Zeugin des Unfalls, sitzt für ihre Aussage auf der Polizeistation. Es fällt ihr schwer, Worte für das Geschehene zu finden. Immer wieder schweift sie gedanklich ab und findet sich in ihrer Kindheit wieder, in Situationen, in denen sie mit Anfängen und Enden konfrontiert war. Wiederkehrende Momente, wie der Sommeranfang mit dem ersten Familienabendessen im Freien, oder einmalige Ereignisse, wie die Trennung der Eltern. Geschichten vom alltäglichen Loslassen – im Kleinen wie im Grossen – und davon, wie es trotz allem weitergeht.


Die Szenen fliessen visuell beinahe nahtlos ineinander: Aus kariertem Papier wird ein Käfiggitter, aus einem Glas Wasser eine Badewanne. Mit Bleistift auf Papier zeichnet Trachsel konkrete Bildausschnitte, zoomt etwa nah auf die Beine rennender Kinder heran und hält jeden Schritt einzeln fest. Teilweise scheint es so, als würde man durch eine Kamera schauen.
Die Illustrationen, die das Erlebte aus dem kindlichen Blickwinkel zeigen, werden durch die Reflexion der zurückblickenden, erwachsenen Stimme bereichert – in Form von Textfragmenten, die zum Denken anregen. Sie leuchten in einem Grün, das sich vom Cover über die Innenseiten bis zum Buchschnitt durch das gesamte Werk zieht: «Die meisten Verluste passieren schleichend. / Wie ein Geruch, der langsam verschwindet. / Und man merkt nicht mal, was fehlt. / Gewöhnung.»
Von der Schule in die Kreativbranche
Bevor Trachsel, die in Mammern aufgewachsen ist, in der Kreativbranche tätig wurde, unterrichtete sie sieben Jahre an einer Primarschule. Nach einem Beziehungsende wagte sie den Neuanfang und bewarb sich für ein Illustrationsstudium an der Hochschule Luzern.
Seit 2020 ist Trachsel als freie Illustratorin und Comiczeichnerin tätig und zeichnet für verschiedene Auftraggebende. Zudem ist sie Gründungs- und Redaktionsmitglied des Comic-Magazins «Die Notbremse», das sich kritisch aktuellen gesellschaftlichen Fragen widmet.
Eigene Projekte zu realisieren, sei nicht immer leicht. Die Comic-Szene in der Schweiz ist klein. Wenige Verlage widmen sich der Publikation solcher Werke, da deren Produktion aufwendiger und teurer ist, als jene klassischer Bücher. Verschiedene Förder- und Werkbeiträge, darunter das Comic-Stipendium der Deutschschweizer Städte, unterstützten Trachsel bei der Verwirklichung ihrer Graphic Novel.

Umgang mit der Vergänglichkeit
Die Geschichte ist Trachsel bei Graphic Novels genauso wichtig wie die Illustrationen. Die Comics, die vom Alltäglichen erzählen, fesseln sie besonders. Es sind nun mal diese Dinge, die unsere Tage ausfüllen. Die scheinbar unbedeutenden Handlungen, Gespräche und Begegnungen verbinden sich zum grossen Ganzen – zu «Alles in allem».
Trachsels Graphic Novel zeigt, wie oft wir mit Verlust und Loslassen, aber ebenso mit neuen Anfängen konfrontiert sind. Und obwohl wir um den «äusserst fragilen» Normalzustand und die Vergänglichkeit des Lebens wissen, rückt dieses Bewusstsein im Alltag in den Hinterkopf – vielleicht auch, weil wir nur so damit umgehen können.
Erschienen im St.Galler Tagblatt am 12. September 2026


