Seit fast 20 Jahren lebt Rödiger Voss in der Schweiz. Im Thurgau haben er und seine Familie ihre Heimat gefunden. Eine Geschichte über Erwartungen und Anpassung.

Als «scheiss Deutscher» ist Rödiger Voss bisher erst einmal beschimpft worden. Und zwar in Köln, seiner Heimatstadt. Wenn er diesen Ort denn noch so bezeichnen könne. «Ist die alte Heimat noch eine Heimat?», fragt er sich. Voss sitzt in einem Café in einer kleinen Thurgauer Gemeinde am Bodensee. Er nennt sie heute sein Zuhause.
2025 war die Abwanderung aus der Schweiz so gross wie seit zehn Jahren nicht mehr. Viele Menschen, insbesondere Deutsche, verliessen den Thurgau. Voss ist geblieben. Auf der Social-Media-Plattform «X» analysiert der Wirtschaftspädagoge, Professor und Autor, warum sich viele anders entscheiden.
Grund 1: «Der Kostenschock»
Als er 2007 in die Schweiz kam, dachte Voss nicht ans Bleiben. Er hatte gerade doktoriert. An der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur fand er eine Anstellung als Professor für Wirtschaftswissenschaft. Die ersten drei Monate lebte er im ehemaligen Hotel Du Lac in Wädenswil. Mit seiner Ehefrau führte er eine Fernbeziehung.
Die Zusage der ZHAW kam mit einer Entlohnung, die auf Papier «bombastisch» wirkte, erinnert sich Voss. Die hohe Zahl habe sich allerdings relativiert.
«Viele argumentieren, dass die hohen Löhne durch immense Lebenshaltungskosten, teure Kita-Plätze und hohe Abgaben wieder aufgefressen werden», fasst Voss seine Analyse auf «LinkedIn» zusammen.
Auch bei höheren Löhnen bleibe am Monatsende nicht viel übrig. Dennoch: Ein Jahr nachdem Voss in die Schweiz gereist war, tat es ihm seine Ehefrau gleich. Sie hatte ihr Medizinstudium gerade beendet – die Anstellungsverhältnisse seien im Medizinbereich in der Schweiz schlicht besser als in Deutschland. Voss selbst wechselte an die Hochschule für Wirtschaft in Zürich, wo er schon bald eine Studiengangleitung übernahm.
Über die Jahre arbeitete Voss in sechs verschiedenen Kantonen. Er begann, die Kultur zu verstehen, sich anzupassen. Kritik an der Arbeit seiner Studierenden formuliert er diplomatisch, umsichtig statt hart und direkt. Nach fünf Jahren in der Schweiz meinte ein Freund, Voss habe einen deutsch-schweizer Migrationshintergrund in beide Richtungen. Nach sechs Jahren entschieden Voss und seine Ehefrau, sich definitiv im Thurgau niederzulassen. Hier soll ihre Tochter die Schule besuchen.
Grund 2: «Soziale Isolation statt Integration»
Über die Jahre engagierte sich Voss in verschiedenen Vereinen und sozialen Organisationen. Er arbeitete ehrenamtlich für «Pro Juventute», spielte Badminton und bringt sich nun im gemeindeeigenen Politikverein ein. «Schweizerinnen und Schweizer ziehen Fremde nicht mit Gewalt ins Gesellschaftsleben», sagt er. Während ein Abend in Köln einen um fünf Lebensgeschichten reicher mache, erarbeite man sich das Vertrauen der Menschen in der Schweiz aktiv und erst mit der Zeit.
Auf «LinkedIn» schreibt Voss: «Die Schweizer werden oft als distanziert und schwer zugänglich wahrgenommen, was trotz Bemühungen zu sozialer Isolation führt.»
Wichtig für die Integration in ein neues Umfeld ist gemäss Voss nicht nur die Teilnahme in Vereinen, sondern auch, einen Anteil am Gemeinwohl zu leisten. 2020 gründeten er und seine Partnerin das «Verkehrsmedizinische Zentrum Thurgau» in Kreuzlingen. Seither müssen Thurgauerinnen und Thurgauer für Gutachten zur Fahrtauglichkeit nicht mehr bis nach St.Gallen oder Zürich fahren.
Grund 3: «Unrealistische Erwartungen»
Hat man sich das Vertrauen von Schweizerinnen und Schweizern erarbeitet, folgt vielleicht eine Einladung zum Essen. Da zeigen sich die kulturellen Differenzen. Sieben Wochen im Voraus wird nach einem passenden Termin gesucht. Kurz auf ein Bier vorbeikommen klappt aus Voss’ Erfahrung in wenigen Fällen. «Diese Terminierung in der Schweiz geht mir schon ein bisschen auf den Zeiger.»
Ist der Tag der Verabredung gekommen, zeigen sich die nächsten Unterschiede. Ein tolles Mitbringsel: eine ungeschriebene Regel. Ein paar Chips werden höchstens zum Apéro aufgetischt. Zu Essen gibt es etwas Aufwendiges, meist aufgeteilt in mehrere Gänge.
«Die Schweiz wird oft idealisiert», ergibt die Social-Media-Analyse. Die Schweiz sei kein kleines Deutschland, sondern ein fremdes Land mit ähnlicher Sprache. Entsprechend gebe es kulturelle Unterschiede – sich anzupassen sei notwendig.
Die Unterschiede enden nicht bei der Einladung zum «Znacht». Voss sammelt auf «LinkedIn» Kommunikationstipps für Deutsche, die in die Schweiz auswandern: Etwa empfiehlt er subtilen statt übertriebenen Humor, Zurückhaltung statt Direktheit.
Wollte Voss früher sein Gemüse nicht essen, flog bei seiner Kölner Mutter schon mal der Spinat durch die Küche. «Eine typisch direkte, raue Erziehung meiner Zeit», wie er sagt. Seine anerzogene Direktheit hat Voss mittlerweile «schweizkompatibel» gemacht, er nennt sich selbstironisch «einen halbwegs gelungenen Hybrid». Seiner Tochter wirft er das unaufgegessene Gemüse jedenfalls nicht an den Kopf, setzt stattdessen auf ruhigere Erziehungsmethoden.
Grund 4: «Vorurteile und Deutschhass»
2021 liess sich die Familie einbürgern. Voss vermisst den Kölner Dom. Er vermisst das Altbier in Düsseldorf, seine Familie und seine Freunde. Aber in der Schweiz fühlt er sich heimisch. Er bevorzugt den ruhigen Schweizer Nachbarn statt des lärmenden Deutschen. Müsste er einen Pass abgeben, wäre es der Deutsche. Trotz aller Hürden ist die Schweiz für Voss und seine Familie mehr Heimat geworden als die alte Heimat, vor allem wegen besserer beruflicher Perspektiven und der Stabilität des Landes.
Voss’ Analysen sorgen in den Sozialen Medien für Zustimmung von Menschen aus Deutschland und der Schweiz, aber auch für kritisches Feedback. «Der Pass macht noch keinen Schweizer», schrieb ihm jemand per Mail.
«Offene Anfeindungen und Vorurteile im Alltag verstärken das Gefühl, nicht willkommen zu sein und dienen als starker emotionaler Treiber für die Entscheidung zur Rückkehr», schreibt Voss auf «LinkedIn».
Obwohl er durch die öffentliche Diskussion vermehrt «Hate-Speech» erlebt habe, sei er ansonsten selten mit Hass und Vorurteilen konfrontiert worden. Er versteht die Angst vor der Verfremdung, die Angst, dass das verloren geht, was die Schweiz ausmacht. Es seien ebendiese traditionellen Werte, wie etwa Ordnung und Respekt, die Einwanderinnen und Einwanderer hier schätzen.
Was in der Debatte allerdings oft vergessen gehe, sei das Zusammenspiel: Die Schweiz verdanke einen Teil ihres Wohlstands Fachkräften aus dem Ausland. Menschen, die bleiben und Teil der Gesellschaft werden.
Und hier sitzt er nun, fast 20 Jahre später, in einem Café am Bodensee. Der «halbwegs gelungene Hybrid» Voss – mit V, wie Vogel, nicht wie Velo.
Erschienen in der Thurgauer Zeitung am 7. Mai 2026




