Die 24-jährige Vanessa König aus Langrickenbach hat ihr Leben dem Abenteuer auf zwei Rädern verschrieben. Dafür verbringt sie Monate in der Wüste Marokkos.

Vanessa König erinnert sich noch genau an die Worte einer Motorradfahrerin, die sie auf einer ihrer ersten Touren getroffen hat: «Glaub mir, wenn du einmal anfängst, kannst du nicht mehr aufhören.» Sie sprach vom Offroad-Fahren – dem Motorradfahren abseits befestigter Strassen.
Sechs Jahre später kennt König Tracks in ganz Europa und Nordafrika. Die 24-Jährige reist hauptsächlich, um Offroad zu fahren. Wenn sie auf ihrem Bike sitzt, denkt sie an nichts anderes, vergisst Sorgen und Probleme. Fehlt die Konzentration, kann viel schiefgehen. «Es gibt nichts, was mich so sehr in den Moment holt.»
Von den Pyrenäen in die Wüste
König stieg 2020 in die Motorradwelt ein. Kurz nach ihrem 19. Geburtstag kaufte sie sich ihre erste Maschine: eine 390 Adventure von KTM. Weil sie zu dem Zeitpunkt keine Gleichgesinnten fand, fuhr sie allein los. Mit einem Ortlieb-Sack auf dem Heck und einem Zelt im Gepäck fuhr sie jeweils für einige Tage auf Routen in der Nähe. Zuerst auf der Strasse, danach daneben. Ihre ersten Reisen führten sie durch die Schweiz, Frankreich und Italien. Fand sie keine günstige Herberge oder eine Couch, auf der sie übernachten konnte, schlug sie ihr Zelt irgendwo in der Natur auf.
Lange jonglierte König zwischen dem Motorradfahren und ihrem Inter-Media-Studium an der Fachhochschule Vorarlberg. Die Semesterferien nutzte sie für längere Abenteuer. Zwei Monate fuhr sie durch den Balkan, einen Monat reiste sie durch Frankreich bis an die Westküste Spaniens über die Westalpen und die Pyrenäen. 2022 folgte ihre erste Marokko-Reise.
Die zwei Nächte vor der Abgabe ihrer Bachelorarbeit im September 2024 brachten nur wenig Schlaf. Doch kaum hatte König das Dokument hochgeladen, setzte sie sich wieder aufs Motorrad. Zuerst eine Marketingtour in Istanbul, danach ein Filmprojekt in Tunesien. Anfang November 2024 brach sie schliesslich Richtung Dakar auf – es sollte die letzte grosse Auszeit zwischen dem Studium und einem Nine-to-five-Job sein.
Von der Schweiz nach Senegal in dreieinhalb Monaten
15’000 Kilometer betrug die Route von der Ostschweiz nach Senegal. Dreieinhalb Monate war König unterwegs. Offroad, wann immer möglich. Sie durchquerte weite Teile der Wüste Marokkos und Mauretaniens. In der Herausforderung fand sie Komfort und vor allem Freiheit. «Wenn ich rund um mich herum nur Sand sehe, fühlt sich das an wie zu Hause.»
König übernachtete unter freiem Himmel. Allein. Nur sie im Schlafsack auf der Luftmatratze, daneben ihr zweirädriger Begleiter. In der Wüste fühlt sie sich sicher. Mehr als beim Campen im Wald. Anders als die meisten befürchten, hat sie noch nie einen Skorpion gesehen, nur grosse schwarze Käfer. Die seien jedoch ungefährlich, viel eher «herzig». Wie die Wüstenspringmäuse, die ihr nachts plötzlich aufs Gesicht sprangen.
Und obwohl die Wüste scheinbar als Sinnbild für Abgeschiedenheit und die Ferne zur Zivilisation gilt, meint König: «Irgendwie ist man nie allein» – zumindest in Marokko. Einmal steckte sie mit ihrem Motorrad fest, als plötzlich ein Marokkaner auf einem kleinen Moped über die Düne tuckerte und fragte, ob sie Hilfe brauche.

Wie Surfen auf dem Sand
Mittlerweile kennt König die Dünen Marokkos, am nordwestlichen Rand der Sahara, so gut, dass sie sich dort auch ohne GPS orientieren kann. Aber selten ist sie allein unterwegs. In der Motorrad-Community hat sie eine zweite Familie gefunden. So auch den Engländer Jack Kemp. Gemeinsam gründeten sie «Dirt’n’Dust». Das Unternehmen organisiert und begleitet Enduro-Touren, das sind Offroad-Reisen über längere Strecken.
Dafür ergänzen sie sich perfekt. König, die sich mit Social Media, Marketing, Fotografie und Videografie auskennt, und Kemp, mit seiner langjährigen Erfahrung als Tourguide und seinen Fähigkeiten als Mechaniker. Als auf einer Tour beide Gabeldichtungen an einem der Motorräder beschädigt waren, reparierte er sie kurzerhand im Waschbecken des Hotelbadezimmers. Die Wüste kennt er noch besser als König.
Im November leiteten König und Kemp gemeinsam mit einer weiteren Tourenorganisation ihre erste Tour im Südosten Marokkos. Mit einer Gruppe von zwölf Teilnehmenden fuhren sie von Ouarzazate, rund 200 Kilometer südöstlich von Marrakesch, über zwei Zwischenstationen in die grösste Sandwüste Marokkos, Erg Chegaga, und zurück. Täglich legten sie rund 200 Kilometer zurück. Während man dafür auf der geteerten Strasse nur ein paar Stunden benötigt, sind es in der Wüste jeweils zwischen fünf und sieben Stunden.
Auf dem Sand fahren sei etwas wie Surfen, erklärt König. Das Vorderrad soll dabei über die Oberfläche gleiten und nicht darin eintauchen, sonst bleibt das Motorrad stecken. Um zu steuern, spielt man mit dem Gas und verlagert das Körpergewicht, der Lenker bleibt gerade. Spannend am Fahren sei deshalb nicht die Geschwindigkeit, sondern die Begebenheiten der Strecke.



Zwischenstopp im Thurgau
Momentan lebt König von Auftrag zu Auftrag, von Rally zu Rally. Kürzlich war sie als Fotografin an der «Illyria Raid», einem Rennen von Bukarest nach Thessaloniki, und der «Morocco Desert Challenge». In wenigen Wochen reist sie für die «Bosnia Rally» nach Südosteuropa. Im Rahmen ihrer Partnerschaft mit KTM nimmt sie dabei selbst teil. Im August fotografiert König für Red Bull in Rumänien eines der härtesten Offroad-Rennen der Welt.
Der Lebensstil ist mit Unsicherheiten verbunden. Und doch: «Wenn man das Glück hat, seine Leidenschaft gefunden zu haben, sollte man alles daransetzen, dieser zu folgen.» Trotz der Schwierigkeiten und der scheinbaren Unerreichbarkeit.

Dabei weiss sie um ihr Auffangnetz. Wenn König nicht unterwegs ist, lebt sie bei ihren Eltern in Langrickenbach. Sie seien unterstützend, hielten sie nie zurück – vielleicht auch, weil sie ihre Tochter seit jeher als Abenteuergeist kennen. Oft ist König nur wenige Wochen zu Hause, bevor sie wieder aufbricht.
Im Oktober stehen bereits die nächsten Marokko-Touren an. Neben solchen für Fortgeschrittene bietet «Dirt’n’Dust» die «Welcome to the Desert»-Tour an, welche sich gezielt an Einsteigerinnen und Einsteiger richtet. König möchte ihre Begeisterung für das Offroad-Fahren weitergeben, besonders an Frauen. Sie sind in der Szene deutlich in der Minderheit. König hofft, dass sich Frauen durch eine weibliche Guide eher trauen, den Sport auszuprobieren.
Und vielleicht erleben sie dann dasselbe wie sie selbst vor sechs Jahren, als ihr eine fremde Motorradfahrerin einen Satz mit auf den Weg gab, der ihr bis heute geblieben ist: «Wenn du einmal anfängst, kannst du nicht mehr aufhören.»
Erschienen in der Thurgauer Zeitung am 30. Juni 2026




