Sie macht Verstorbene schön

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Mit Pinsel, Nadel und Faden bereitet Sandra Aguilar Verstorbene für die Aufbahrung und Abschiednahme vor. Schon als Kind fühlte sie sich vom Tod angezogen.

Sandra Aguilar ist Humanpräparatorin. Sie posiert vor hölzernen Särgen und hält eine MakeUp-Palette und einen MakeUp-Pinsel in den Händen.
Sandra Aguilar ist Humanpräparatorin. Bild: Lisa Grauso

«Entschuldigung, jetzt gibt es einen kleinen Stich», sagt Sandra Aguilar jeweils, bevor sie behutsam Nadel und Faden ansetzt, um der verstorbenen Person ein sanftes Lächeln ins Gesicht zu zaubern. «Ich tue das nie, ohne die Angehörigen davor zu fragen», versichert sie.

Aguilar bereitet Verstorbene für die Aufbahrung und die Abschiednahme vor. In ihrem Arbeitskoffer befinden sich Pinsel, spezielles Make-up und Hilfsmittel zur Kaschierung von Verletzungen. Sie reinigt, schminkt und näht mit dem Ziel, die Person so herzurichten, dass sie aussieht wie zu Lebzeiten.

Als Kind verbrachte sie viele Stunden auf dem Friedhof

Schon als Kind war Aguilar vom Tod wie magisch angezogen. Während Gleichaltrige miteinander spielten, sass sie auf dem Friedhof und bestaunte die Grabsteine. Ganz zum Schrecken ihrer italienischen Mutter, die befürchtete, ihre Tochter sei vom Teufel besessen.

Besonders eindrücklich bleibt Aguilar eine Beerdigung in Italien in Erinnerung. Die Schwester des Verstorbenen sprang damals ins Grab und legte sich auf den Sarg. Aguilar weiss noch heute, wie die Frau roch, wie sie schrie, wie sie gekleidet war. «Ich vergesse das nie wieder», sagt sie. Die Szene habe sie tief berührt. Der Tod sei schon damals nicht einfach an ihr vorbeigegangen. Sie wusste, dass ihr Weg sie eines Tages in dessen Richtung führen würde: «Ich bin dafür geboren.»

Vom Schminken zum Präparieren

Den Berufseinstieg fand die 58-Jährige vor über 20 Jahren. Nach dem Tod einer jungen Coiffeuse wurde sie als gelernte Kosmetikerin angefragt, ob sie die Verstorbene für die Aufbahrung schminken könne. Die nächste Person, die aus diesem Grund vor ihr lag, war eine enge Freundin. Sie hatte sich das Leben genommen, sah, wie Aguilar sagt, «wirklich ganz schlimm aus». Nachdem sie sie hergerichtet hatte, sah sie wieder aus wie die Frau, die sie gekannt hatte. In diesem Moment wurde Aguilar klar, dass sie dasselbe für andere Verstorbene und ihre Hinterbliebenen tun möchte.

Anders als in Deutschland gibt es in der Schweiz keine staatlich anerkannte Ausbildung zur Thanatopraktikerin – also zur Spezialistin für die hygienische und ästhetische Versorgung von Verstorbenen. Aguilar bewarb sich deshalb bei einem Bestatter. Dieser bezweifelte jedoch, dass für die Tätigkeit in der heutigen Zeit genügend Nachfrage besteht, und leitete ihre Bewerbung weiter. So landete Aguilar 1999 in der Rechtsmedizin.

Der Arbeitskoffer von Sandra Aguilar. Er enthält verschiedene Utensilien, die sie braucht, um die Verstorbenen herzurichten.
Sandra Aguilars Arbeitskoffer. Bild: Lisa Grauso

In der Rechtsmedizin werden aussergewöhnliche Todesfälle untersucht, wie dies bei Unfällen, Suiziden oder Verbrechen der Fall ist. Einige Jahre später wechselte Aguilar in die Pathologie, wo Todesursachen im Zusammenhang mit Krankheiten untersucht werden. Dann führte ihr Weg ans Anatomische Institut der Universität Zürich. Dort präparierte sie Körper für Medizinstudentinnen und -studenten.

Der grosse Unterschied zu Rechtsmedizin und Pathologie: Bei der Anatomie lernte Aguilar viele Menschen bereits zu Lebzeiten kennen. Sie telefonierte mit den zukünftigen Körperspenderinnen und Körperspendern. Manche brachten ihre Patientenverfügung persönlich vorbei. Dabei äusserten sie Wünsche für die Zeit nach dem Tod, brachten Plüschbären mit, die sie im Sarg neben sich haben wollten. «Ich habe immer darauf geachtet, dass alle das bekommen, was sie sich wünschten.» Und das auch, als Berufskolleginnen und -kollegen ihre stetig wachsende Sammlung von Plüschbärchen in den Schubladen hinterfragten.

Sie behandelt die Toten, als würden sie leben

2024 machte sich Aguilar selbstständig und gründete «Das Antlitz»: Ihr Angebot umfasst Gedenkfeiern, Sterbebegleitung, Erinnerungsstücke für Eltern verstorbener Kinder und Thanatopraxie. Am liebsten würde sie sich vollumfänglich auf Letzteres konzentrieren. Noch sei das Angebot in der Schweiz allerdings zu wenig bekannt.

Als ihre Mutter in Italien verstarb, habe die dortige Bestatterin sie aus eigener Initiative etwas geschminkt – sehr natürlich, den meisten wäre es vermutlich gar nicht aufgefallen. «Das habe ich sehr geschätzt», sagt Aguilar. Sie würde sich wünschen, dass dies auch in der Schweiz zur Gewohnheit würde. Aus Respekt gegenüber der verstorbenen Person, aber auch für die Angehörigen.

«Ich freue mich jedes Mal, wenn ich jemanden schönmachen darf.» Wenn das Telefon klingelt, weiss Aguilar nie, was sie erwartet. Manchmal dauert ihre Arbeit eine Stunde, manchmal fünf. Angst empfinde sie dabei nie, Ekel sehr selten. Während sie die Verstorbenen herrichtet, spricht sie mit ihnen. Sie erklärt ihre Handgriffe, entschuldigt sich, bevor sie die Nadel ansetzt, und begegnet ihnen mit derselben Sorgfalt wie einem lebenden Menschen.

Bevor Aguilar den Aufbahrungsraum verlässt und nach Hause geht, hält sie einen Moment inne, verabschiedet sich von der verstorbenen Person und widmet ihr eine Trauerminute.

Der Aufbahrungsraum des Friedhofs Steckborn.
Der Aufbahrungsraum des Friedhofs Steckborn. Bild: Lisa Grauso

Erschienen in der Thurgauer Zeitung am 8. Juni 2026

Von Lisa