Sie ist wütend, holt aus und drescht den Baseballschläger mit voller Wucht auf die Windschutzscheibe. Ein befreiendes Gefühl. Oder doch nicht? Ein Selbstversuch im Rage-Room Weckingen.

«Was macht mich so richtig hässig?»
Ich sitze im Zug, auf dem Weg zur Redaktion, schaue aus dem Fenster und höre Musik. Es gibt keinen Grund, der mich jetzt wütend macht.
Ja, kürzlich habe ich mich mit meiner Schwester gestritten. Ich war wütend, sagte etwas, das ich danach bereute. An diesem Tag sprachen wir nicht mehr miteinander. Schnell wich die Wut, stattdessen machten sich Schuldgefühle und Traurigkeit breit.
Ich kenne Wut, aber sie ist selten. Sie kommt schnell und verschwindet noch schneller. Mir wurde beigebracht, dass es unnütz ist, sich über Dinge aufzuregen, die in der Vergangenheit liegen und sich nicht verändern lassen. Dass es schadet, an negativen Gefühlen festzuhalten. Ich dachte immer, das mache mich ausgeglichen.
Vorbereitung auf die Zerstörung
Wenige Stunden später stehe ich im Rage-Room in Weckingen und weiss nicht, woran ich beim Zerstören der Teller, Gläser und Windschutzscheibe denken soll, wie ich ohne unmittelbaren Grund wütend sein kann.
Wir – das sind die Fotografin und die Autorin – ziehen uns die pinkfarbenen Overalls über, montieren Gartenhandschuhe, Sturmhaube und Gesichtsschutz. Kurz darauf schiebt eine Mitarbeiterin die Tür zum Rage-Room hinter uns zu. Der Raum ist kleiner, als ich erwartet habe. Die Sonne scheint durch die mit Gittern bedeckten Oberlichtfenster. Ein Schlagloch prangt im Steinboden – einige Menschen wissen wohl genau, was sie wütend macht. Sie lassen dem Gefühl hier freien Lauf. Versteckt und eingesperrt.
Am Rand stehen Kisten voller Teller und Glaswaren. Daneben das Zerstörungs-Werkzeug: Zwei Baseballschläger, ein Vorschlaghammer, ein Brecheisen und eine Axt.





Musik gehört dazu. Was man hört, darf man selbst entscheiden. Wahrscheinlich sollte ich Heavy Metal oder aggressiven Rap hören, aber darauf habe ich keine Lust. Deshalb entscheide ich mich für Old School Hip Hop: Tupacs «Changes». Der Text berührt mich, macht mich eher traurig als wütend – «that’s just the way it is».
Zu schwach für den Rage-Room
Ich lege einen Teller auf den Tisch, der in der Mitte des Raumes steht und schnappe mir einen Baseballschläger. Axt und Hammer sind für den Anfang eine Nummer zu gross, entscheide ich. Der Schläger ist erstaunlich leicht. Ich versuche erneut an Situationen zu denken, die mich wütend gemacht haben. Mir fällt nichts ein. Gedankenlos hole ich aus, hebe den Schläger über meinen Kopf und stoppe. Irgendetwas hält mich zurück.
Wird das laut? Hoffentlich verletzen die Splitter keine von uns. Soll ich da wirklich einfach draufhauen? Wie viel Kraft werde ich aufwenden müssen?

Tu es einfach, sage ich mir und schwinge den Schläger. Es klirrt. Die Scherben splittern. Weniger als gedacht: weniger Kraft und weniger Splitter. Doch das erleichternde Gefühl, das ich erwartet habe, bleibt aus. Sollte ich jetzt nicht den Drang verspüren, noch mehr kaputt zu machen? Ich probiere es erneut, versuche, mich an das Gefühl von Wut zu erinnern, es nachzuempfinden. Die Momente, in denen ich so wütend war, dass ich in mein Kissen schrie und meine Fäuste in die Matratze versenkte.
«Eine schöne Tasse», sagt die Fotografin. «Möchtest du sie mitnehmen», frage ich sie. Vielleicht sind wir hierfür einfach zu weich?
Geteilte Wut, doppelt so viel Spass?
Oder der Spass am Zerstören kommt erst dann, wenn man ihn teilt. Die Windschutzscheibe demolieren wir also gemeinsam. Ich bin froh, dass sie nicht in tausend kleine Teile zersplittert ist, als wir mit den Baseballschlägern draufgehauen haben. Sonst wäre ich danach wohl nicht wieder ins Auto gesessen. Als sich die Scheibe nach unseren Schlägen aber einfach zusammengefaltet hat, war ich schon etwas enttäuscht. Insbesondere, da das in den Filmen immer so spektakulär aussieht, diese zerstiebenden Scheiben, dieser Krach.






Wir lassen unsere vorgetäuschte Wut an anderen Gegenständen aus. Ich bringe die Fotografin dazu, eine alte Kamera zu zerschlagen. Das scheint sie mehr zu verletzen als das Gerät. Ich knüpfe mir ein Radio vor. Beim ersten Schlag mit der Axt öffnet sich das CD-Laufwerk. So, als hätte ich mit meiner Hand die Druckmechanik betätigt. Das ist schon fast peinlich. Beim zweiten Hieb bleibt die Axt im Radio stecken. Sie wieder herauszubekommen, ist eine Herausforderung. Es fühlt sich nicht an, als hätte ich Kontrolle. Nach einer Stunde verlassen wir den Raum. Die Fotografin und ich sehen uns fragend an: Wieso macht das manchen Menschen so viel Spass?
Wut auf Knopfdruck kann ich nicht. Wäre ich im Moment echter Wut im Rage-Room, würde ich wohl einen Teller an die Wand schmeissen und es würde sich gut anfühlen. Zu Hause schreie ich ins Kissen und schlage in die Matratze. Vielleicht bin ich nicht ausgeglichen, sondern nur ein gelungenes Produkt der Gesellschaft?
Erschienen in der Thurgauer Zeitung am 9. Mai 2026




